Pferdegerechtes Verhaltenstraining: Ein Interview mit Dr. Vivian Gabor

Pferdegerechtes Verhaltenstraining:
Ein Interview mit Dr. Vivian Gabor

24.03.219 Min.

Unsere Partnerin Dr. Vivian Gabor ist ein echtes Multitalent und Expertin im Bereich der Pferdewissenschaften. Im Laufe ihrer Karriere hat sie sich auf das Lernverhalten von Pferden und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis spezialisiert und betreibt ein Ausbildungszentrum für Mensch und Pferd. Daneben ist sie die Gründerin des Institutes für Verhalten und Kommunikation (IVK) in Einbeck bei Göttingen. Wie Vivian getreu ihrer Philosophie „Wissen kann man sich aneignen – Gefühl muss man schulen” die Mensch-Pferd Kommunikation für ein pferdegerechtes Training optimiert, erfahrt ihr in diesem Interview.

Was ist Deine Pferde Helden Superkraft?
Wahrzunehmen, was Pferde denken und fühlen und dies für Menschen erklärbar zu machen – das würde ich als meine Kraft bezeichnen.

Welche Trainer oder Ansätze haben Dich inspiriert?
Es gibt so unglaublich viele tolle Pferdemenschen, von denen man Ansätze und Inspiration bekommen kann. Ich könnte gar nicht beschreiben, von wem meine größte Inspiration gekommen ist. Ich würde es auch nie so beschreiben wollen, dass ich „nach jemandem“ arbeite, denn ich denke, jeder sollte das Talent, was er hat, mit Pferdewissen und einem geschulten Gefühl für eine pferdegerechtere Welt einsetzen. Aber grundsätzlich kann ich sagen, dass es mich schon immer fasziniert hat, wissenschaftlich erklären zu können, wie Pferde handeln, denken und fühlen und warum sie so handeln, wie sie es tun. Damit habe ich meine Weise gefunden, ihnen eine Stimme zu geben. Aus diesem Grund hat mich schon früh die Wissenschaft um das Pferd und natürlich die Bodenarbeit und die Körpersprache bei Mensch und Pferd fasziniert.

Hast du ein Vorbild? Wer ist Dein persönlicher Pferdeheld?
Für mich sind alle Pferdemenschen Vorbilder, die sich stets weiterbilden und nie dort stehen bleiben, wo sie von ihrem Wissen und ihrem Können her sind. Dazu gehören diejenigen, die sagen, dass man nie auslernt und nach links und rechts blicken. Auch all die, die bei sich selbst schauen, ob sie an sich selbst noch etwas verstehen oder verändern können, um dem Pferd das Leben mit uns einfacher zu machen.

Welches Pferd war oder ist dein größter Lehrmeister?
Sicherlich mein lieber Pablo, der meinen ganzen bisherigen Weg durch die Pferdewelt jetzt nun schon seit 21 Jahren begleitet und mir immer wieder Inspirationen und Gedanken mit auf den Weg gibt. Aktuell auch meine liebe Dressurstute Alizé. Sie lehrt mich, immer bei mir zu bleiben und zu schauen, ob ich klar, ruhig und verständlich bin.

Du hast dich im Pferdebereich auf die besondere Thematik „Verhalten und Kommunikation” spezialisiert, was hat dich auf diesen Weg gebracht? Was fasziniert dich daran?
Für mich sind die Themen Verhalten und Kommunikation so unglaublich spannend und tiefgründig. Einerseits kann man das Verhalten von Menschen und Pferden auf verhaltensbiologischer Ebene sehr gut erklären, auf der anderen Seite ist es aber auch sehr komplex und von sehr vielen unterschiedlichen Faktoren abhängig. Mich damit zu beschäftigen und komplexe Zusammenhänge erkennbar und verständlich zu machen, fasziniert mich so daran. Ich habe mich schon in meinem Biologiestudium auf das Verhalten und das Lernen der Pferde spezialisiert und im anschließenden Studium der Pferdewissenschaften konnte ich weiter in diese Forschung eintauchen. Währenddessen konnte ich ganz praktisch als Trainerin meine Erfahrung und Fähigkeiten im Umgang mit dem Pferd erweitern und dieses Wissen nutzen, um die Pferde besser verstehen zu können.

Hilft dir dein Wissen über Verhalten und Kommunikation auch im Alltag mit Menschen?
Ja, ganz bestimmt sogar. Die Kommunikation läuft zwischen Tieren, zwischen Tier und Mensch oder zwischen Menschen ganz ähnlich ab. Haben wir die Grundsätze verstanden, dass man nie nicht kommunizieren kann, sich aber dessen bewusst wird, was man aussendet, dann hilft dies sowohl im Umgang mit dem Pferd als auch im Umgang mit anderen Menschen.

Gibt es Ansätze oder Verhalten, die man auf den Menschen übertragen kann?
Ich bin jemand, der in seiner Freizeit nicht unbedingt Pferdebücher liest, sondern Bücher über die Psychologie des Menschen. Wir können so viel vom Pferd auf den Menschen und andersherum übertragen. Natürlich muss man sich auch immer des Unterschieds bewusst sein und Pferde nicht vermenschlichen – das ist mir ganz wichtig. Aber das Lernverhalten an sich oder wie wir mit Stress umgehen oder auch wie Gefühle entstehen, ist bei Säugetieren sehr ähnlich. Zum Beispiel können wir in der sozialen Kommunikation der Pferde viel auf die Gesellschaft des Menschen übertragen. In beiden Gesellschaften gibt es eine Ordnung und die Verteilung von Aufgaben. Dies gibt allen Beteiligten Sicherheit. Aber auch Gefühlsäußerungen wie Furcht und Angst, aber auch Freude und Zufriedenheit gibt es sowohl in der Pferde- als auch in unserer Welt.

Du hast ein eigenes Institut gegründet und bildest dort erfolgreich Pferdeverhaltenstrainer und pferdegestützte Therapeuten aus. Was ist für dich das Wichtigste, was du diesen Trainern mit auf den Weg gibst?
Ich versuche in meiner Lehre zu vermitteln, dass viele Dinge wissenschaftlich erklärbar sind, es aber auch Dinge gibt, die wir mit Intuition, Gefühl und Erfahrung lösen können. Ich gebe meinen Studenten weiter, dass sie immer offen bleiben dürfen, sich weiterzuentwickeln und selbstreflektiert auf ihr eigenes Verhalten zu schauen. Einer der wichtigsten Bestandteile in meinen Ausbildungen ist, dass ich immer versuche, die Empathiefähigkeit zu fördern. Meine Studenten sollen sowohl lernen, mit dem Pferd empathisch zu sein, als auch die Mitmenschen zu verstehen. Nur wenn wir als Trainer auch empathisch mit den Besitzern sein können und sie in ihren Handlungen verstehen lernen, können wir einen Zugang zu ihnen finden und ihnen Handlungsalternativen gegenüber ihrem Pferd aufzeigen. Letztendlich können wir auch nur so den Pferden helfen.

Welche Ansätze sind Teil deiner ganzheitlichen Arbeit mit Reitern und Reiterinnen?
Die schon erwähnte Empathie zum eigenen Pferd, aber auch seine eigenen Handlungen zu verstehen und zu hinterfragen, ist eines der wichtigsten Bestandteile in meinem Unterricht. Wir können ein Verhalten des Pferdes – sei es vom Boden oder vom Sattel aus – nur positiv beeinflussen, wenn wir unsere eigene Kommunikation immer wieder hinterfragen. Ein weiterer wichtiger Ansatz ist es, sich seiner eigenen Grenzen und Fähigkeiten bewusst zu werden. Auch ich als Ausbilderin muss wissen, wann ich jemanden anderen Kompetenten mit dazu holen sollte. Das kann ein Physiotherapeut als auch ein Tierarzt oder Hufschmied sein, aber auch Trainerkollegen, mit denen man sich zu Problematiken austauscht. Wir haben einen so großen Pool an Wissen in unserer Pferdewelt, auf den wir zurückgreifen sollten, um den Pferden zu helfen. Keiner kann immer alles wissen oder durchblicken und so kann auch ein Perspektivwechsel helfen, Problematiken und neue Ansätze aufzudecken.

Was bedeutet „pferdegerecht” für dich?
Pferdegerecht bedeutet für mich, das Pferd in seinen Bedürfnissen und in seinem Verhalten zu verstehen und artgerecht darauf zu reagieren. Es bedeutet für mich aber auch, dass Pferd Pferd sein zu lassen und nicht zu vermenschlichen. Pferdegerecht bedeutet für mich, dass man danach strebt, sein Wissen zu vertiefen und immer bemüht ist, sein Gefühl weiter zu schulen, um gerecht auf das Pferd zu reagieren. Auch wenn wir uns Pferde für unser Hobby oder unseren Beruf anschaffen, sollten im Umgang mit ihnen nie unsere eigenen Bedürfnisse dazu führen, das Pferd nicht pferdegerecht zu behandeln.

Der Fokus liegt bei dir ganz klar auf Pferden mit „Verhaltensproblematiken”. Häufig erleben wir, dass der Mensch dabei eine wesentliche Rolle spielt. Wie gehst du damit um?
Was ich meinen Studenten vermittle, gilt für mich natürlich genauso. Ich versuche immer empathisch mit Pferd und Mensch zu sein. Auch wenn das in manchen Situationen nicht einfach ist, sehe ich das als einzigen Weg über das Verständnis des Menschen dem Pferd weiterhelfen zu können. Ich versuche in diesen Fällen dem Besitzer zu vermitteln, dass ich ihn in seinen Sorgen, Ängsten und vielleicht sogar in seiner Wut verstehe, ihm aber auch verdeutliche, was das Pferd dabei empfindet und warum es manche Dinge tut. So agiere ich als Vermittler zwischen diesen beiden Kommunikationspartnern und versuche ihnen beiden Selbstwirksamkeit mitzugeben. Dies bedeutet, dass sowohl Pferd als auch Mensch das Gefühl entwickeln, nicht hilflos einer Situation ausgeliefert zu sein, sondern es immer Möglichkeiten gibt, seine eigene Lage und somit die des Gegenübers zu verbessern.

Mit welchen „Problemen” kommen deine Kunden zu dir?
Die Menschen kommen mit ganz unterschiedlichen Problematiken. Diese reichen vom „sich-nicht-führen-lassen“ des Pferdes, zu geringer Motivation beim Training, Angstproblematiken bis hin zu Verhaltensauffälligkeiten oder Verhaltensstörungen. Häufig kommen die Pferdebesitzer aber auch, um ihre eigene Kommunikation zu verbessern und ihr Wissen zu erweitern. Mit diesen Kunden kann ich natürlich schon gezielter an ihrer Selbstwahrnehmung arbeiten.

Gibt es bestimmte „Verhaltens-Problematiken”, die häufiger auftreten?
Verhaltens-Problematiken, die ich häufiger sehe, sind sicherlich Furcht vor bestimmten Gegenständen wie Sprühflaschen, Gerten, Wurmkuren oder sogar manchen Bewegungen des Menschen. Auf der anderen Seite aber auch distanzloses Verhalten bis hin zu Abwehrhalten des Pferdes. Dies kann vom Gnibbeln über das Schnappen bis hin zum erlernten aggressiven Verhalten führen. Sicherlich basieren die meisten unerwünschten Verhaltensweisen auf den Vorerfahrungen des Pferdes mit dem Menschen und dass der Mensch dem Pferd noch keine positive Führung und Sicherheit geben konnte.

Hast du hier im Laufe der Zeit Trends oder Veränderungen beobachten können?
Ein sehr positiver Trend geht dahin, dass immer mehr Menschen über ihr Pferd Bescheid wissen wollen und nach Alternativen suchen, mit ihrem Pferd umzugehen – ob vom Boden oder vom Sattel aus. Das bedeutet nicht, dass Althergebrachtes immer schlecht ist, sondern es wird bestenfalls in Bezug gesetzt zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. So kann mit bisherigem und neuem ein möglichst pferdegerechtes Training und ein artgerechter Umgang erfolgen. Dies finde ich einen sehr guten Trend. Auf der anderen Seite sehe ich, dass immer noch viel zu viele Pferde vermenschlicht werden. Dies hilft dem Pferd eben auch nicht, sicherer in der Menschenwelt zu werden, sondern kann im Gegenteil auch zu unerkanntem Leid und Stress führen. Diese Pferdebesitzer abzuholen und ihnen zu erklären, dass Liebe auch noch etwas anderes als Nähe und „sich kümmern“ bedeutet, habe ich mir besonders zur Aufgabe gemacht. Denn diese Menschen wollen das Beste für ihr Pferd. Ihnen fehlt aber vielleicht noch etwas der natürliche Zugang zum Pferdeverhalten.

Gibt es eine Geschichte, in der du einer Person und ihrem Pferd geholfen hast, die dir ganz besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Besonders berührt hat mich die Geschichte von dem Hannoveraner Hengst Carlo. Trotz Bemühungen der Besitzer war er sehr ängstlich und abwehrend und wollte mit dem Menschen nichts zu tun haben und ließ sich noch nicht einmal aufhalftern. Die Problematik bestand darin, dass sich bei Carlo Sarkoide gebildet hatten und die Behandlung immer dringlicher wurde. Also kam er – als letzte Chance, ihnen auch für die heilende Behandlung halfterführig zu machen – zu mir. Was anfangs auch mich sehr emotional mitgenommen hat und fast aussichtslos erschien, fügte sich nach ein paar Wochen immer mehr zum Guten. Jetzt lebt Carlo mit seiner Besitzerin glücklich, inzwischen behandelt und gesund zusammen. Dies war ein ganz besonderer Fall für mich, da ich wusste, dass es um sehr viel ging. Wir stehen immer noch in Kontakt und ich freue mich über jeden Fortschritt, den Carlo in seinem weiteren Training und in seiner Gesundheit macht.

Du gehst dieses Jahr mit deinem Programm auf Tour. Was dürfen die Zuschauer erwarten?
Ja, für mich wird das ein ganz besonderes Jahr, denn endlich wird mein Traum wahr, auf größeren Bühnen zu stehen und Wissen und Gefühl miteinander zu verbinden. So können noch mehr Menschen erkennen, wie sie sich und ihrem Pferd auch in problematischen Situationen weiterhelfen können. Wissen über das Verhalten des Pferdes zu lehren und direkt mit einem Pferd dazu Lösungen zu zeigen, hat für mich eine tiefe Sinnhaftigkeit bekommen. Mit Problemen in die Öffentlichkeit zu gehen und dazu wichtige Lösungsansätzen zu zeigen, die für jeden Pferdebesitzer greifbar und nachmachbar sind, erfüllt mich mit guter Hoffnung. Die Zuschauer erwartet ein kurzweiliges Abendprogramm, in denen sie theoretisches Wissen zum Lernverhalten und zur Kommunikation bekommen und im praktischen Training sehen, wie ich mit welcher problematischen Situation umgehen würde. Ob das die Gewöhnung an eine Sprühflasche oder das Anhängertraining ist, die Distanzlosigkeit oder die Undurchlässigkeit: All solche Themen werden wir uns gemeinsam anschauen und in einem unterhaltsamen, aber doch wissenswerten Programm erarbeiten.

Mehr zu Vivian Gabor, ihren Sicherheitstipps im Umgang mit Pferden und einem tollen Deal für alle Pferdebesitzer erfährst du hier.

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